
Zugang ist nicht Nutzung
38 Prozent haben KI-Zugang. 27 Prozent nutzen ihn. Die Überzeugung ist da - die Anleitung fehlt.
Christopher Thanisch ist Gründer von Syndikat. Jede Woche schreibt er in seiner Kolumne „Drops“ über die neuesten Entwicklungen und Trends im Bereich KI.
In der Streetwear-Welt gibt es einen Begriff für das, was gerade in deutschen Unternehmen mit KI passiert: Deadstock.
Deadstock ist das Zeug, das im Lager liegt. Limitiert. Teuer eingekauft. Nie getragen. Der Besitz ist real. Die Nutzung ist null. Der Wert ist theoretisch. Und das Stück hängt im Schrank, während die Saison weiterzieht.
38 Prozent der deutschen Beschäftigten haben KI-Zugang. 27 Prozent nutzen ihn aktiv. 11 Prozent haben den Zugang - und tun trotzdem nichts damit. Bitkom, Mai 2026.
Deadstock. Im Enterprise-Maßstab.
Die Überzeugung ist meistens real. Niemand im C-Level zweifelt mehr ernsthaft daran, dass KI kommen muss. Die Akzeptanz ist da. Die Lizenzen laufen. Das Tool ist verfügbar. Und dann wartet die Organisation auf eine Anleitung, die niemand geschrieben hat.
Das Streetwear-Ding daran: Deadstock entsteht selten aus Gleichgültigkeit. Das Stück wurde gekauft, weil jemand daran geglaubt hat. Der Wille war echt. Aber zwischen "ich will das tragen" und "ich weiß, wie ich anfange" liegt ein Gap, den niemand überbrückt hat.
Nur dass in der Mode irgendwann die Saison weiterzieht.
Bitkom hat im April 2026 nachgefragt, warum Nicht-Nutzer trotz Zugang nicht nutzen. 44 Prozent fehlt Vertrauen. 26 Prozent kennen keine passenden Anwendungsfälle. 22 Prozent fehlt das Grundwissen. Das sind drei verschiedene Formulierungen desselben Sachverhalts: Niemand hat ihnen gezeigt, wie man das trägt.
In der Sneaker-Kultur gibt es den Begriff "beater" - das Paar, das du wirklich anziehst. Das dreckig wird. Das du für den Alltag nimmst, nicht für die Vitrine. Die meisten Unternehmen haben bisher nur Vitrinenstücke. Alles hinter Glas. Kein Alltagseinsatz.
Der DIHK hat 2026 erhoben: 72 Prozent nennen fehlendes Know-how als größtes Hemmnis. 58 Prozent nennen Zeitmangel. Und 43 Prozent bieten keine Schulungen an.
43 Prozent. Kaufen ein. Schulen nicht. Wundern sich dann.
Ich erlebe das gerade direkt. In den letzten Wochen - Gespräche mit Leadern, mit C-Level aus unterschiedlichen Branchen - immer wieder dasselbe: Der Wille ist real. KI soll kommen, soll die ganze Organisation durchdringen, soll wirklich gelebt werden. Aber wenn die Frage kommt, wie man die eigenen Leute konkret daran heranführt - nicht mit einer Onboarding-Folie, nicht mit einem einmaligen Workshop - dann kommt Pause. Niemand weiß es genau. Und das ist das eigentlich interessante.
Das erinnert an einen Gedanken aus dem Profi-Sport - nicht die Ausrüstung gewinnt Spiele. Der Kader, der weiß, wie er sie benutzt, gewinnt Spiele. Teams investieren Millionen in Taktik-Analyse, Spieler-Entwicklung, individuelles Coaching. Niemand kauft einfach bessere Trikots und erwartet einen Meistertitel.
Im Unternehmenskontext passiert genau das. Der Einkauf ist der Abschluss - nicht der Anfang.
Was sich gerade verändert: Die Überzeugung, dass KI-first keine Wahl mehr ist, setzt sich durch. In Gesprächen, in Studien, in Boardrooms. Die Frage ist nicht mehr ob. Die Frage ist wann - und wie. Das "wann" gewinnt gerade. Das "wie" bleibt offen.
Tool-Rollout beantwortet das "wie" nicht. Lizenz-Kauf beantwortet es nicht. Was es braucht, um aus einer Organisation, die KI hat, eine zu machen, die KI wirklich lebt - das ist die eigentliche Aufgabe. Und sie steht in den meisten Unternehmen noch am Anfang.
Bitkom hat 2025 erhoben: 53 Prozent der deutschen Unternehmen haben grundsätzliche Schwierigkeiten bei der Digitalisierung. Das Muster ist älter als KI. KI ist nur der aktuelle Drop in einer langen Serie.
Im Mittelstand fehlt dafür die Infrastruktur. Keine AI-Enablement-Funktion. Keine dedizierte Person, die sich darum kümmert, dass Menschen wirklich mit neuen Werkzeugen produktiv werden. Das landet bei der IT-Leitung, neben allem anderen. Oder bei niemandem.
Gleichzeitig ist der Mittelstand der einzige Kontext, in dem kurze Entscheidungswege das Problem tatsächlich schnell lösen könnten. Kein Konzern-Approval. Keine Abstimmungsrunden über Quartale. Wenn jemand entscheidet, dass es diese Woche passiert - passiert es diese Woche.
Das Potenzial liegt brach. Das Tagesgeschäft läuft. Die Befähigung wartet.
Das Muster ist bekannt. Bei ERP. Bei CRM. Jetzt bei KI. Der Unterschied: Diesmal ist der Einsatz höher. Die Überzeugung kommt. Die Geschwindigkeit steigt. Aber wie eine Organisation von "wir haben KI" zu "wir arbeiten KI-first" wird - diese Frage ist noch offen. Und das ist das eigentliche Problem, das noch gelöst werden muss.
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